Zur Startseite

Arnon Grünberg
"Gnadenfrist"
Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten
Diogenes Verlag Zürich 2006
153 S.; 17,90 Euro

Jean Baptist Warnke ist ein Mann der Mitte. Mittelmäßig ist er nicht, nein, eher ausgeglichen. Warnke hat keine Meinung und er mag es, in alle Richtungen gehen zu können und nicht schon rechts oder links starten zu müssen. Er ist Diplomat! Er ist erfolgreich darin: Diplomat und die rechte Hand des niederländischen Botschafters in Peru. Warnke hat eine Frau, zwei Kinder und eine bescheidene Villa in Lima. Er ist zufrieden! Dieser Frieden erstreckt sich vom Privaten, mit seiner nach Schönheit und Perfektion strebenden Frau, bis hin auf das Geschäftliche, das süße Nichtstun, das gute Reden. Er hat alles im Griff, fest im Griff. Warnke ist freundlich, zu den Niederländern im Land, auch zu denen im Knast. Er verschenkt Obstkörbe, Fliesen und Edamer Käse. Aber auch zur einheimischen Bevölkerung ist er freundlich. Täglich geht er in das Café El Corner, liest die Newsweek und läßt sich von Roberto die Schuhe putzen. Dort spricht ihn ein Mädchen an, oder sollte man sagen: Junge Dame? Malena. Ihr ganzes Gesicht ist ein Lachen. Ein Lachen, ein Gespräch im El Corner, das schnell zur Routine gehört, wie das Newsweek lesen. Doch es macht die Tage schöner. Warnke läßt sich von ihr zu einem Konzert einladen. Malena singt, sie hat rote Lippen. Ein hitziger Abend der alles verändert und spätestens jetzt der Beginn von etwas, das Warnke seinen Glauben an die Mitte raubt. Er geht, er geht weiter, er geht mit Malena, mit ihren ominösen Päckchen zur Post, er geht zu weit?
Grünberg schafft es seiner Geschichte, die irgendwie erahnbar scheint, so viel interessante Details zu verpassen, dass diese Ahnung dem Leser nichts verdirbt. Die Spannung siegt. Trotzdem bleiben die Figuren, außer Warnke, seltsam fremd. Doch Grünbergs humorige Darstellungen, seine genial einfache Sprache und der erfrischend kurze Satzbau bieten dem Leser ein leichtes Lesevergnügen mit Tiefgang, Komik und Tragik. Dieser Grünberg Roman ist klein, selbst wenn er wesentlich länger wäre, könnte man ihn am Stück lesen. Grünbergs Geschichte ist schnell, die Formel 1 der Literatur - schade, dass das Ende so bald kommen muss. Thorsten Ukena, 21.05.2006

BUCH BEI AMAZON BESTELLEN

oder

WEITERE BUCHTIPPS FINDEN SIE UNTER BÜCHERBORD - DAS ARCHIV