„Gather
Darkness“ und „Future Wreck“ sind zwei
herausragende Alben einer Gruppe, die bei Fortbestand
und weiteren Produktionen zunehmend an Bedeutung
gewinnwen wird. Ihre Position als Interpreten
erstklassiger Elektronik werden sie somit weiter
festigen können, um sich dann früher oder später in
den CD-Regalen eines jeden Elektronik-Liebhabers zu
etablieren.
Beide Platten bieten Erstaunliches und klingen doch
wohlvertraut, denn kein Vergleich liegt näher als der
mit Tangerine Dream, den Urvätern der Elektronik
schlechthin.
Doch trotz aller Verwandtschaft, degradieren sich Arcane
mit keiner Note zu einer banalen Imitation ihrer
musikalischen Vorbilder. Ganz im Gegenteil - was die
beiden Musiker in ihren Kompositionen zu bieten haben,
ist die gelungene Symbiose aus Anleihen der
Berliner-Schule und den charakteristischen Stilmitteln
aus Alben von T.D. wie „White Eagle“, „Logos“,
„Hyperborea“ oder „Poland“. So wie Arcane heute,
hätten Tangerine Dream eigentlich bei konsequenter
Weiterentwicklung ihres 70er-Jahre-Stils in den 80ern
klingen müssen. Also der bewußte Zeitraum, in dem
Chris Franke noch für eine ausreichende
Sensibilisierung in der Musik von T.D. sorgte und durch
das spätere Hinzutreten von Johannes Schmölling stilprägende
Akzente in der Zeit zwischen 1980 und `85 gesetzt
wurden.
Rob Essers hatte vor 6 Jahren mit seinem Album „Raincolors“
und dem späteren Nachfolgewerk „A Lizards Walk“ ja
schon einmal vorgemacht, wie der 80er-Jahre-Stil von T.D.
interpretiert werden kann, ohne dabei auf einen eigenständigen
Charakter verzichten zu müssen.
Arcane schließen nun nahtlos an diese respektable
Leistung an, wobei unter verstärkter Einbindung ausgeklügelter
sowie abwechslungsreicher Berliner-Schule-Elemente
eindeutig eine Konzentration auf längere Kompositionen
gelegt wurde.
Bei „Gather Darkness“ verwundert zunächst das
morbide Cover auf dem die Verkörperung dunkler Mächte
dargestellt wird. Eine etwas unkonventionelle
Illustration, die auch einer Platte von Motorhead oder
Iron Maiden zur Ehre gereicht hätte und nicht so recht
zum akustischen Inhalt passen will. Denn dieser beschert
dem Hörer phantasievoll gesponnene Elektronik in
Vollendung.
Die Titel bewegen sich in ihrer Länge zwischen 10 und
15 Minuten und beginnen jeweils mit einem ruhigen,
traditionell in analogen Klangfarben gehaltenen jedoch
knappem Intro als Fundament und Einstimmung für den
perfekt ausgearbeiteten Hauptteil.
Kristallklare weich ausgerundete Sequenzerläufe,
abgestimmt mit feinsinnig rhytmischen Arrangements und
ausgefeilten sowie prägnant gesetzten Melodiebögen.
Die Stücke überzeugen in ihrer Instrumentierung durch
einen klugen Aufbau und zeigen ein feines Gespür für
spannungsvolle Steigerung ohne einen überfrachteten
Eindruck zu hinterlassen.
Ideenvoll und markant gesetzte Effekte verleihen der
Musik zusätzlich eine spannende Dynamik und geben den
Stücken den letzten Schliff.
Während sich „Gather Darkness“, noch losgelöst von
allzu deutlichen Anspielungen, als eigenständiges Album
versteht, ist in „Future Wreck eine eindeutige Hommage
an Tangerine Dream zu erkennen. Eine Huldigung, die
nicht als verklärte Nachahmung zu verstehen ist,
sondern als konstruktive Auseinandersetzung mit dem
geschätzten Vorbild bei gleichzeitiger Reflexion auf
die eigene kompositorische Arbeit. Eine huldvolle Annäherung
wird bereits in der Cover-Gestaltung erkennbar. Die Rückseite
zeigt eine in Schwarz-Weiß gehaltene Abbildung von 3
Musikern, die in Aussehen und Ausdruck unwillkürlich
Erinnerungen an „Sorcerer“ aufleben lassen, während
das Innen-Cover Verwandtschaftliches zum Album
„Logos“ erkennen läßt.
Überhaupt kommen „Logos“ und auch „Poland“ in
der Umsetzung musikalischer Ideen bei Arcane eine ganz
zentrale Rolle zu, ohne das dieses an irgend einer
Stelle ganz bewußt nachzuvollziehen wäre.
„Future Wreck“ beginnt mit gleichnamigem Titel und
orientiert sich in den ersten Minuten noch an den Ursprüngen
elektronischer Musik (so um die Zeit von „Phädra“),
um dann überraschenderweise mit leise elegantem Übergang
in die um 10 Jahre jüngere Ära von T.D. einzutauchen.
Wie auch schon beim Debüt findet sich in allen Stücken
eine adäquate Adaption T.D.-eigener Klänge, in denen
noch der Geist der bereits genannten Werke mitschwingt,
allerdings genügend Raum belassen wurde, um ein
ausreichendes Potential an Eigenständigkeit zu
entfalten.
Somit entführen Arcane mit „Gather Darkness“ und
insbesondere „Future Wreck“ zu einer nostalgischen
Zeitreise ohne sich selbst zu verleugnen und verhelfen
zusammen mit Musikern wie Rob Essers dem
80er-Jahre-Sound von Tangerine Dream zu einer ungeahnten
Renaissance.
Bei aller Hochachtung für diese tadellose Leistung gibt
es jedoch noch eine Kleinigkeit zu bemängeln. Wieder
einmal wurde mit Informationen für den Hörer gegeizt.
Auf „Future Wreck“ werden noch nicht einmal mehr die
Musiker namentlich erwähnt. Ein vollkommen unnötiges
Ärgernis, das einen leicht getrübten Eindruck hinterläßt.
Absolut unverständlich, daß die Künstler sich hier
selbst als No-Name-Produkt verkaufen.
Läßt man diese kleine Ungereimtheit jedoch einmal außer
Acht, so steht einwandfrei fest, daß wir es bei Arcane
mit einer wichtigen Band zu tun haben, die unbedingt von
den Organisatoren der bekannten EM-Festivals zu einer
der nächsten Veranstaltungen eingeladen werden sollte.
Stephan
Behn (29.03.2000)
Weitere empfehlenswerte CDs von Arcane:
„Alterstill“ (2001)
Tracklist:
Gather Darkness
Dystopian
Fictions (16.09)
Gather Darkness (15.48)
Flight From Time One (14.59)
Requiem (12.14)
Time Will Run Back (09.31)
Future Wreck
Future
Wreck (21.31)
The Plastic Eaters (12.38)
The Visible Empty Man (18.44)
Planet On The Blind (08.51) |