|
Dass
Masse nicht gleich Klasse ist, hat Fax-Label-Chef Pete
Namlook mit seinen eigenen unzähligen Veröffentlichungen
ja schon hinlänglich unter Beweis gestellt, im Fall der
Virtual-Vice-Serie mit Wolfram Spyra scheinen sich allerdings Qualität
und Produktionsfreude nicht aneinander zu widersprechen.
Folge 4 ist nicht nur ihr ausgeglichenstes, sondern auch
(und vielleicht gerade deswegen) ihr bislang bestes
Werk. Beide Musiker präsentieren sich in einem sehr
abgestimmten Dialog zueinander und erfüllen auf ihrem
neuesten Album hohe Ansprüche an Virtuosität und Ästhetik.
Waren Virtual Vices I – III schon von überdurchschnittlicher Güte, so
liegt die überragende Stärke dieser CD in den ersten 4
Stücken, die mit jeweils gut 11 Minuten nicht nur
gleich lang sind, sondern auch stilistisch in einem sehr
engen Kontext zueinander stehen. Der Einstiegs-Track
“Femto” lehnt sich atmosphärisch dicht an Spyra´s
wegweisende Alben Sferics und Etherlands
und hinterläßt mit Verklingen der letzten Note einen
Eindruck von Vollkommenheit. Feinnervige Melodielinien
korrespondieren mit klug gewählten Hintergrundsounds
und wurden mit originell arrangierten Rhythmen diffizil
verflochten. Der zweite Titel “Sat Mute” reagiert
thematisch sehr intelligent auf das erste Stück,
besitzt aber noch ein wenig mehr Drive und läßt auch
deutlichere Spuren zum Jazz erkennen. Dann folgt “We
Don´t Mind The Rain”, welches auf sehr ansprechende
Weise beweist, dass beide Künstler auch das Metier des
Rhythm ´n´ Blues beherrschen, was ihrer Musik sehr
durchdringende und pfiffige Akzente verleiht. “Sons
And Daughters” schließlich setzt die eingeschlagene
Richtung des Vorgängertitels in gemäßigter Haltung
fort, wobei bei beiden Titeln das mitreißende aber
unaufgeregte und dezent im Hintergrund gehaltene
Gitarrenspiel von Pete Namlook hervorgehoben werden muß,
mit dem schon einige Kompositionen auf den ersten drei
Alben entschieden aufgewertet wurden.
Leider werden Namlook und Spyra einfach nicht müde auf
ihren Werken immer wieder einen ausgedehnten
Ambient-Titel zu integrieren. Auf Virtual
Vices I – III war dies als ein Teil des
heterogenen Konzeptes durchaus nachzuvollziehen, doch
hier wirkt das 17-minütige “Philomela Nocturne” am
Schluß der CD wie ein störender Fremdkörper. Zu
engmaschig sind die ersten 4 Stücke miteinander
verstrickt, als dass diese Aufnahme noch eine
Bereicherung sein könnte. Mit Hinblick auf einen unverfälschten
Eindruck hätte es sich sogar als ratsamer erwiesen,
ganz auf dieses Relikt improvisierten Klangdesigns zu
verzichten. An LP-Verhältnissen gemessen, wären dann
rund 45 Minuten Spieldauer immer noch ausreichend
gewesen.
Auch ist die Wahl der rhythmischen Elemente manchmal
etwas spitz und scharfkantig ausgefallen und die Drums hätten
ein wenig mehr Fülle verdient. Doch hiervon abgesehen
sind Namlook und Spyra auf Virtual
Vices IV vier Kabinettstückchen gelungen, in
denen sie mit innovativem Gespür und Freigeist
konventionelle Strukturen aufgegriffen und in eine
moderne Elektronik-Sprache eingebunden haben. Eine maßstabsetzende
Leistung in der Chill Out- und Freestyle-Branche, was
die beiden Musiker als begabte Erneuerer auszeichnet.
Stephan Behn (21.11.2002)
Tracklist:
Femto (11.50)
Sat Mute (11.26)
We Don´t Mind The Rain (11.04)
Sons And Daughters (11.22)
Philomela Nocturne (17.10) |