|
Selten
stehen Musik, Spielort, CD-Titel und Covergestaltung in
einem solch beziehungsvollen Kontext zueinander, wie bei
diesem sehr introvertierten Werk von Ian Boddy.
„Shrouded“ heißt soviel wie „eingehüllt“ oder
„umhüllt sein“, das Substantiv „shroud“ dagegen
bedeutet speziell „Leichentuch“. Ein gelungenes
Wortspiel, das die Musik und ihren Entstehungsort
treffend charakterisiert.
„Shrouded“ ist ein Live-Mitschnitt vom 6. Mai 2000
in der Kathedrale von Philadelphia. Ein Spielort mit
Tradition, denn beinahe alle Elektronikgrößen der
Neunziger-Jahre haben hier im Rahmen der sogenannten „Gathering-Veranstaltungen“
(www.thegatherings.org) schon Konzerte in einzigartigem
Ambiente absolviert. Die geheimnis- bis unheilvolle Aura
des im 18. Jahrhundert erbauten Sakralbaues inspirierte
Boddy zutiefst und wurde von ihm musikalisch auf
exzellente Weise interpretiert. Seine wieder einmal so
bewundernswert feinfühlige Gabe verhalf ihm dazu, den
altertümlich spirituellen Geist dieses besonderen Ortes
einzufangen und in beseelt tiefgründige Klänge
umzusetzen. Mit viel Fingerspitzengefühl gelingt es
Boddy sein Publikum in den Bann zu ziehen und in ein
unantastbar düsteres Tuch aus schwadenhaften
Soundwolken zu hüllen. Die dramatisch wirkende
Verdunkelung des Himmels, die die Landschaft unter ihr
finster umnebelt, ist eine auf dem CD-Cover gelungen
dargestellte Metapher und rundet dieses ganz spezielle
Konzert-Ereignis auf stimmige Weise ab.
Umfangreicher als man es normalerweise von ihm gewohnt
ist, bedient sich Boddy auf dieser CD stilprägender
Elemente aus dem Dark-Ambient-Bereich. Die ungeraden
Titel 1, 3 und 5 (2x6 u. 1x9 Min.) wurden als
rhytmuslose aber elegant ausgekleidete Klanglandschaften
entwickelt. Ein jeweils sanftes, bisweilen wehmütig und
in dunklen Farben dahinschweifendes Akustik-Gewebe, wie
man es bereits von seiner Zusammenarbeit mit Markus
Reuter (Centrozoon) her kennt.
Die geraden Titel 2 und 4 (20 u. 10 Min.) sind durch
eine individuelle Rhytmik gekennzeichnet, wobei das längste
Stück „Gathering“ von Boddy zusätzlich mit klug
arrangierten Sequenzen unterlegt wurde. Beide Aufnahmen
versetzen das gesamte Werk in nachdenklich stimmende
Schwingungen und geben der CD einen unverwechselbar
feierlichen Charakter. Ein rhytmisch konzipiertes 6. Stück
hätte diesen Gesamteindruck jedoch erst perfektioniert
und dem Werk eine noch höhere Intensität verliehen,
zumal die Gesamtspielzeit mit gerade einmal 53 Minuten
bei Weitem nicht die mögliche Speicherkapazität einer
CD ausschöpft. Auch hätten nahtlose Übergänge der
einzelnen Aufnahmen eine noch größere Dichte bewirkt.
Jedem, der atmosphärisch inspirierten Klangmalereien
auch nur ein wenig Interesse entgegenbringt, sei dieses
stimmungsvolle Album dennoch wärmstens empfohlen. Mit
„Shrouded“ setzt Boddy seine in den letzten Jahren
begonnene Serie dunkel orientierter Arbeiten flexibel
und auf anspruchsvollem Niveau fort und stellt erneut
sein Talent im passenden Umgang mit speziellen
Situationen unter Beweis. Stephan
Behn (19.04.2001)
Tracklist:
First
Light (06.43)
Gathering (20.23)
Drift (06.35)
Shrouded (10.24)
Nightfall (09.20)
Weitere CDs:
Ian Boddy & Markus Reuter: Distant Rituals (1999)
Ian Boddy & Chris Carter: Caged (2000)
Dub Atomica (Ian Boddy & Nigel Mullaney: Autonomic
(1999)
Ian Boddy / Ron Boots / Harold van der Heijden: Phase 3
(1997)
Ian Boddy: Box Of Secrets (1999)
Ian Boddy / Markus Reuter / Nigel Mullaney: Triptych
(2001)
ARC (Ian Boddy & Marc Shreeve): Radio Sputnik (2000)
Ian Boddy & Robert Rich: Outpost (2001)
Ian Boddy: Aurora (2002)
|