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Auf dem
elektronischen Dancefloor-Sektor gehören sie sicher zu
den intelligentesten Köpfen.
Gemeint ist das berliner Duo Thomas Fanger und Michael
Kersten alias MIND-FLUX, die ihre Produktionen labelabhängig
einmal unter dem einen, dann wieder unter dem anderen
Namen veröffentlichen.
1999 sind von ihnen gleich 2 wertvolle CDs erschienen,
auf denen ihr breitgefächertes Schaffen in vollem
Umfang zu erleben ist und auf die an dieser Stelle noch
einmal ganz besonders hingewiesen werden soll.
Ob sich ihr Hauptsitz Berlin nun prägend auf die Beiden
ausgewirkt hat, sei einmal dahingestellt; zweifellos ist
ihre Musik jedoch von wesentlichen Elementen der
traditionellen Berliner-Schule beeinflußt. Wer jetzt
aber glaubt, analoge Effekthascherei im 70er-Jahre-Stil
über entschärfte Techno-Rhythmen vorgesetzt zu
bekommen, muß sich angenehm getäuscht sehen. Denn die
sequenzerdurchzogenen Soundteppiche, die das Herz vieler
Elektronik-Liebhaber längst vergangener Zeiten höher
schlagen lassen, werden von Fanger und Kersten als
Wurzeln ihrer eigenen Musik begriffen und immer wieder
auf brillante Weise mit zeitgemäßen Rhythmen verwoben.
Man könnte auch sagen, daß die beiden Musiker es
geradezu meisterhaft verstehen, die Philosophie (Ich
wage einmal diesen Ausdruck zu benutzen) der Berliner
Schule vom angestaubten Esoterik-Image zu befreien und
auf die Tanzflächen anspruchsvoller Trance- und
Ambientparties zu transferieren.Dabei möchte ich diese
Aussage nur als Kern ihres besonderen Könnens
verstanden wissen, denn die Rückbesinnung auf eine
vergangene Elektronik-Ära unter Einbindung tanzbarer
Komponenten ist in unterschiedlicher Intensität auf
ihren Stücken vertreten.
Bedauerlicherweise wagen sich Fanger und Kersten in den
ersten 3 Stücken auf „Kontinuum“ und im Titelstück
von „Interkosmos“ mit einem etwas überstrapazierten
Vocodereinsatz auf fragwürdiges Terrain. Dabei ist
nichts gegen den punktuellen effektorientierten Einsatz
eines Vocoders einzuwenden; als Ersatz für
phrasenartige Gesangspassagen mit Kraftwerk-Dejavu aber
dann doch einigermaßen unpassend.
Von diesem Fehltritt einmal abgesehen, scheint dieses
Kreativ-Duo jedoch alle guten Ideen für sich gepachtet
zu haben und es ist nicht übertrieben zu behaupten, daß
sich in einer 7-minütigen Komposition von MIND-FLUX
mehr innovative Energie verbirgt, als auf einer ganzen
CD von Interpreten, die immer noch meinen, sie bräuchten
nur den Sequenzer anschalten und könnten den Geist der
Berliner-Schule durch endloses Improvisier-Gehabe zu
neuem Leben erwecken.
Ein gewisser Marc Stewart umschreibt auf der Rückseite
der CD „Kontinuum“ die hierauf verewigte Musik dann
auch als „einen einzigartigen elektronischen Cocktail
mit elektrifizierenden Beats, hypnotischen Sequenzen und
verblüffenden Effekten“. Ein Urteil, dem ich mich nur
uneingeschränkt anschließen kann, wobei auf den beiden
längsten Titeln dieser CD, „Lunar Sunrise“ (13:24)
und „Signals From Freddy Dreamer“ (12:59), diese
Qualitäten ganz besonders gelungen herausgearbeitet
wurden. Ein jeweils sanfter Aufbau, aus dem sich ein
mitreißender Beat entwickelt und den Hörer bis zum
letzten Ton in Atem hält.
Ganz besonders muß aber auch immer wieder die enorme Fähigkeit
von Fanger und Kersten herausgestellt werden, ihre
Kompositionen zu keinem Zeitpunkt langweilig oder
monoton werden zu lassen und sich mit fast spielerischer
Leichtigkeit auf einer konstant anspruchsvollen Ebene zu
bewegen. Hier sei insbesondere auf die beiden ebenfalls
längsten Titel auf „Interkosmos“ hingewiesen: „Nightshift“
(15:54) und „Searching“ (23:14) sind keine tanzbaren
Titel im eigentlichen Sinne, aber an den beiden
ausgefeilten Stücken läßt sich die Gratwanderung
zwischen dem früheren Musikverständnis analoger
Eelektronik und der neuzeitlichen Auffassung
elektronischer Klanggebilde ganz besonders eindrucksvoll
veranschaulichen. 2 außergewöhnliche Stücke, die ihre
ganze Faszination erst bei genauerem Hinhören vollständig
entfalten. Sie werden jeweils durchgängig von einer
sanft pulsierenden Rhytmik getragen, über die sich ein
festgelegtes Arrangement an ausgesuchten Klangfiguren
bewegt. Ein kompliziertes Klanggefüge, das sich dem Hörer
bei oberflächlicher Aufmerksamkeit nur bedingt erschließt.
Richtig zugehört sind hier nämlich feingesponnene,
aneinander überlagernde und sich ständig verschiebene
Soundstrukturen zu entdecken, die von den beiden Klangkünstlern
über die gesamte Spiellänge mit Tendenz zur Steigerung
unaufhörlich variiert werden. Musik, die auch über
lange Strecken zu fesseln weiß und bei bewußtem Hören
einen sanften Rausch entwickelt.
Was MIND-FLUX darüber hinaus besonders wohltuend von
anderen Vertretern dieses Genres unterscheidet, ist die
Fähigkeit, ihren Kompositionen immer einen
wohldosierten Groove beizumengen, so daß sie sich von
den oftmals technisch bis metallisch klingenden und
dadurch etwas steril wirkenden Arbeiten anderer Kollegen
angenehm abgrenzen.
Stephan Behn (20.02.2000)
Tracklist
"Kontinuum":
Kontinuum (04.56)
Solar Eclipse 99 Part I (06.35)
Solar Eclipse 99 Part II (04.50)
Time Invaders (09.45)
Space Performer (10.00)
Lunar Sunrise (13.24)
Zero Gravity (07.10)
Return To Reality? (03.51)
Signals
From Freddy Dreamer (12.59)
Tracklist "Interkosmos":
Interkosmos
(10.04)
New Times (08.37)
Deep Sleep (08.58)
Nightshift (15.54)
Searched (23.14)
Black Hole (06.08)
Weitere empfehlenswerte CDs:
MIND-FLUX:
„Collision“ (1996)
MIND-FLUX: „Konception Of Space“ (1997)
Fanger & Kersten: „Script“ (1997)
Fanger & Kersten: „Splashdown“ (2000) |