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Radio Massacre International: Upstairs Downstairs

Stilrichtung: Berliner Schule

Centaur Discs Ltd, CENCD 026 (2000)

Musiker: Gary Houghton (gt., electronics), Duncan Goddard (electronics), Steve Dinsdale (electronics)

Nach ihrem nur wenig denkwürdigen Auftritt auf dem Klem-dag ´97 in Nijmegen war auch das Konzert auf dem Alpha-Centauri-Festival am 25.03.00 erwartungsgemäß von Mittelmäßigkeit geprägt.
Die drei Protagonisten Dinsdale, Goddard und Houghton gaben sich auf der Bühne betont lässig (alle 3 kaugummikauend), konnten damit aber den etwas unvorbereiteten und lustlosen Eindruck, den das Konzert hinterließ, kaum kaschieren. Zum Warmwerden etwas Improvisiertes, dann zwei drei Titel aus ihrem bisher erschienenen Repertoire und zum Schluß noch etwas Neues. Kein Titel im Programm, der im Publikum so etwas wie Enthusiasmus entfachen konnte. Auch die Bühnentechnik war an Einfallslosigkeit nicht mehr zu unterbieten. Die Idee einer Videokamera, die das gesamte Konzert über mit einer einzigen festgelegten Einstellung (!) das Bühnengeschehen auf eine mittelgroße Leinwand über den Köpfen der Musiker projiziert, muß die Frage zulassen: Was soll das???
Somit wurde leider wieder einmal eine Chance vertan, sich vor einem rein EM-interessierten Publikum wirkungsvoll zu verkaufen. Zumindest konnte es sich Steve Dinsdale (wieder einmal ganz imagebewußt in Zebra-Jacke) dieses Mal verkneifen seine Tasten zigaretterauchend zu bedienen und das ist ja auch schon etwas. Insgesamt gesehen jedoch eine Darbietung, die mit Sicherheit nicht zu einer wesentlichen Umsatzsteigerung ihrer letzten CD „Upstairs Downstairs“ (am selbigen Tag erschienen) beitragen konnte. Dabei haben sie auf dieser Live-CD weit mehr zu bieten als ihre magere Vorstellung befürchten ließ.
Die Aufnahmen stammen von mehreren Konzertmitschnitten aus den Jahren ´97 und ´98 in London und dem bereits oben erwähnten Auftritt auf dem Klem-dag in Holland (vergl. Auch CDR „A Bridge Too Far“), wobei in 2 von 3 Fällen mehrere Mitschnitte zu einem neuen Stück verschmolzen wurden. Ein abenteuerliches Unterfangen, das trotz seiner fragmentartigen Zusammensetzung einen ungemein geschlossenen Eindruck vermittelt.
Das erste und mit 42 Minuten zugleich längste Stück beginnt, natürlich nicht weiter überraschend, mit einem flächenhaft gestreckten Sound-Intro, wobei RMI hier erneut unter Beweis stellen, daß auch ein gedehnter Aufbau über 10 Minuten nicht an Kraft und Spannung zu verlieren braucht.
Der nachfolgende ca. 8-minütige Sequenzerteil gestaltet sich als improvisierte Einlage, wie so oft beim spontanen Zusammenspiel, ein wenig holprig und unausgegoren, um dann wiederum in eine ruhigere Phase mit verschlungen weitschweifigen Soundmustern einzudringen. Der anschließende Schlußakt von Part I ist dann das ganz besondere Ereignis dieser CD und demonstriert das eigentliche Niveau von RMI, das auf den Konzerten in Holland so schmerzlich zu vermissen war.
Durch die für RMI so typischen, tiefgängigen beinahe sakralen Soundgebilde, die sich wie langgezogene satte Schleier über einen flirrenden Teppich von mitreißenden sowie ideenreich ausgetüftelten Sequenzerläufen senken, werden die letzten 15 Minuten von Part I auf herausragende Weise zu einem hinreißenden, fast magischen Konzerterlebnis und stellen den unumstrittenen Höhepunkt dieser Live-CD dar.
Über die gewaltige Distanz von mehr als 40 Minuten beeindruckt Part I so mit einem klug gesteigerten Aufbau, der zum Ende hin zunehmend beflügelt und leise berauscht. Der tosende Beifall, der nur ganz am Ende dieser CD eingeblendet wurde, wäre daher im Anschluß an Part I besser platziert gewesen.
Während in den 14 Minuten von Part II noch eine starke Anlehnung am damalig aktuellen Album „Organ Harvest“ zu bemerken ist, bietet das ebenfalls 14-minütige Part III wieder schnellpulsierende, schwerelos ineinandergreifende Sequenzerrhythmen mit viel 70er-Jahre-Profil, um dann in den letzten Zügen erneut mit einem ruhig inszenierten Klanggebilde behutsam zum Ende zu gelangen.
Trotz der anfänglich etwas harsch geratenen Kritik anläßlich ihrer Auftritte zu den EM-Festivals, kann „Upstairs Downstairs“ immer noch mit reinem Gewissen für Liebhaber der traditionell analogen Elektronik empfohlen werden. Es betrübt nur ein wenig, daß die drei Musiker bislang nicht gewillt sind, sich von ihrem eingefahrenen Garagenband-Image zu lösen und sich mit überwiegend improvisierten Einspielungen zu oft unter Wert verkaufen. RMI können mehr; Das zeigen immer wieder ihre enormen Geistesblitze, die auch auf dem aktuellen Album anzutreffen sind. Eine Verlagerung hin zu weniger Improvisation und mehr Komposition würde ihrer Musik mit Sicherheit gut tun und sich in einem konstant hohen Niveau ihrer Auftritte und Veröffentlichungen zu erkennen geben. Stephan Behn (29.03.2000)

Tracklist:

Upstairs Downstairs Part I (42.09)
Upstairs Downstairs Part II (14.32)
Upstairs Downstairs Part III (14.51)

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