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Robert Rich: Humidity

Stilrichtung: Dark Ambient

HYPNOS / Soundscape, hyp 2020 (1999)

Musiker: Robert Rich (electronics)

Trifft die Sparte Eletronik im allgemeinen Musik-Geschäft ohnehin nur auf sehr geringe Akzeptanz, so verlangt die Unter-Kategorie „Dark Ambient“ vom aufgeschlossenen Hörer noch ein Vielfaches mehr an Zeit und Aufmerksamkeit und bleibt damit einem interessierten Nischen-Publikum vorbehalten.
Neben Steve Roach und Vidna Obmana gehört Robert Rich zu den Pionieren und Visionären experimenteller sowie meditativ ausgerichteter Klanggebilde. Ein weites nur mäßig erforschtes Gelände, das insbesondere von diesen Künstlern seit vielen Jahren ausgelotet und in einem unermüdlichen Schaffensdrang zunehmend kartographiert wird.
Der heute 37-jährige Rich beschäftigte sich schon in frühester Jugend mit elektronischen Instrumenten. Sein esoterisches Interesse in Bezug auf Traum- und Trance-Zustände führte ihn Anfang der 80er Jahre an die Stanford University in Kalifornien, wo er Musik und Psychologie studierte und u.a. erste Konzerterfahrungen machen durfte. Seine nächtlichen „Sleep Concerts“ beispielsweise, 1982 erstmals vor einem schlafenden Publikum inszeniert, waren auch weit über die Grenzen des Universitätsgeländes hinaus bekannt.
Erste, auf CD gebrannte Zeugnisse seiner musikalischen Arbeit sind die mitlerweile als Doppel-CD zusammengefassten Alben „Numena“ und „Geometry“ aus den Jahren ´86 und ´87, die noch von einem sehr konventionellen Umgang mit elektronischen Instrumenten geprägt sind.
Der Hang zu ruhigen, flächenhaft gestalteten Soundstrukturen ist aber bereits auch hier schon deutlich ablesbar und wird auf den Nachfolgealben „Rainforest“(´89) und „Strata“ (´90, mit Steve Roach) unter Einbeziehung erster sanfter Ethno-Einflüsse konsequent fortgesetzt. Höhepunkt dieser Schaffensphase ist die CD „Gaudi“ aus dem Jahre 1991, die einen ganz besonders eindringlichen und harmonischen Eindruck hinterläßt. Weitere Kooperationen mit Musikern wie Steve Roach, Alio Die, Lisa Moskow und B. Lustmord sowie die Solo-Werke „Propagation“ (´94) und „A Troubled Resting Place“ (´96) folgen und begründen in zunehmendem Maße das, was heute landläufig als „Dark Ambient“ zu verstehen ist.
Musik für den Raum oder der Raum als vertontes Gedankengebilde, das in der Phantasie des Zuhörers entsteht. Ein architektonisches Gedankengebäude, dessen äußere Abmessungen nicht bekannt ist. Ein unfassbarer imaginärer Baukörper, dessen überdimensionale Räume sich mit jedem Schritt weiter ausdehnen und deren realitätsferner Charakter durch eine sehr dunkle akustische Untermalung Unbehagen, fast Beklommenheit hervorruft und vom Hörer in entsprechende Bilder umgesetzt wird.
Das vorliegende, 3 CD umfassende Mammutwerk „Humidity“ (Feuchtigkeit) dokumentiert 3 Konzertmitschnitte aus dem Jahr 1998 anläßlich unterschiedlicher Veranstaltungen in Stanford, Venice und Pasadena. Sämtliche Titel gehen nahtlos ineinander über und verschmelzen zu einem Gesamtkunstwerk, dessen unterschiedliche Zeitpunkte der Entstehung nicht zu bemerken sind. Die oben beschriebene Herangehensweise an diese, zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftige Stilrichtung, läßt sich an diesem Werk ganz besonders gut nachvollziehen. Mit fast rhythmuslosen weiträumigen Soundmustern installiert Rich ein ausdrucksstarkes raumgreifendes Klanggefüge, das die Bereitschaft zur räumlichen Vorstellungskraft fordert. Durch die bedrohlich wirkende Grundstimmung wird dabei die geistig visuelle Wahrnehmung in eine Richtung gelenkt, wo Türen zu einer unwirklichen Welt mit ungewisser Weite und morbider Ausstattung aufgestoßen werden.
Erfahrungsgemäß sei angemerkt, daß nachts im Dunkeln, wenn die Konturen räumlicher Begrenzung verschwimmen, die Aufnahmebereitschaft bei großzügig ausgelegter Zimmerlautstärke am größten ist und die volumenbetonten Klangstrukturen am intensivsten verarbeitet werden können.
Rich präsentiert in gut 3 Stunden ein vertont erlebbares Unterwelttrauma und führt seine Hörerschaft mit jedem Titel in neue höhlenartige Räume mit mächtigen Dimensionen, die ausgefüllt sind mit gewaltigen Konstruktionen, wuchtigen Körpern und bizarren Landschaften. Eingebettet in fahlem Licht und dunklen Schatten wirken diese unterirdischen Gewölbe leblos und kalt, farblos und karg. Mit schwadenhaftem Nebel, feuchter Luft, undurchsichtigem Wasser und tropfnassem Gestein gestalten sich diese irrationalen Welten als übernatürliche Verliese mit grottenhaftem Charakter; befremdlich, beinahe unnahbar und doch eindrucksvoll und mit einer seltsamen Anziehungskraft. Zum Teil druckvoll eingestreute Geräusche und Effekte lenken die Gedanken zudem immer wieder in eine surrealistische Kerker-Atmosphäre, mit laut knarrenden, ächzend keuchenden Geräten und Apparaten von zweifelhafter Funktion. Metallisch klirrende, dumpf stampfende Maschinen erscheinen vor dem geistigen Auge und bewirken ein Gefühl der Bedrohung und Faszination zugleich.
Seine archaisch inspirierten, blutarmen Klangkreationen sind auch unter Elektronikfreunden sicher nicht jedermanns Sache; wer sich jedoch geduldig und konzentriert auf Rich´s Soundschöpfungen einläßt, erlebt im Kopf ein visuelles Ereignis, das ohne die unterstützende Kraft des Gehörten nur schwer vorstellbar wäre.
Vertonte Architektur, die versucht mit spannungsvollen und abgründig sphärischen Klanggebilden ein neues Feld der akustischen Wahrnehmung bzw. dessen mentaler Verarbeitung zu beleuchten.
Zum Schluß sei noch erwähnt, daß die gestalterische Aufmachung dieser 3-CD-Box als sehr gelungen bezeichnet werden kann. Die gefühlvolle Illustration wirkt stimmig zum unkonventionellen Inhalt und vollendet den geschlossenen Gesamteindruck dieser Konzert-Trilogie.
„Humidity“ ist somit ein besonderes Werk von ganz eigener Art, mit großer Intensität und eigenartiger Faszination, das einen weiteren Meilenstein in Rich's eigenwilligen Schaffen darstellt. Stephan Behn (02.06.2000)

Tracklist:
CD1, April 2, 1998 Stanford, CA

Lost Caverns Of Caryatis (12.55)
Bioelectric Plasma (07.33)
Demilitarized Zone (14.16)
Synergistic Perceptions (10.52)
Ceramic Tincture (06.28)
Submission To Pele (07.22)
Humidity Toward The Troposphere (14.25)

CD2, May 9, 1998 Venice, CA

Beyond Part 1 (16.26)
Beyond Part 2 (06.43)
Beyond Part 3 (06.52)
Beyond Part 4 (06.13)
Beyond Part 5 (03.51)
Beyond Part 6 (07.14)

CD3, May 10, 1998 Pasadena, CA

Steel Harmonics (07.45)
Nada (06.05)
Cloud Relapse (07.04)
Nightsky Reprise (16.56)
Hidden Refuge (09.02)
In A Miasma Of Malarial Delusions (15.51)

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