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Trifft
die Sparte Eletronik im allgemeinen Musik-Geschäft
ohnehin nur auf sehr geringe Akzeptanz, so verlangt die
Unter-Kategorie „Dark Ambient“ vom aufgeschlossenen
Hörer noch ein Vielfaches mehr an Zeit und
Aufmerksamkeit und bleibt damit einem interessierten
Nischen-Publikum vorbehalten.
Neben Steve Roach und Vidna Obmana gehört Robert Rich
zu den Pionieren und Visionären experimenteller sowie
meditativ ausgerichteter Klanggebilde. Ein weites nur mäßig
erforschtes Gelände, das insbesondere von diesen Künstlern
seit vielen Jahren ausgelotet und in einem unermüdlichen
Schaffensdrang zunehmend kartographiert wird.
Der heute 37-jährige Rich beschäftigte sich schon in
frühester Jugend mit elektronischen Instrumenten. Sein
esoterisches Interesse in Bezug auf Traum- und
Trance-Zustände führte ihn Anfang der 80er Jahre an
die Stanford University in Kalifornien, wo er Musik und
Psychologie studierte und u.a. erste Konzerterfahrungen
machen durfte. Seine nächtlichen „Sleep Concerts“
beispielsweise, 1982 erstmals vor einem schlafenden
Publikum inszeniert, waren auch weit über die Grenzen
des Universitätsgeländes hinaus bekannt.
Erste, auf CD gebrannte Zeugnisse seiner musikalischen
Arbeit sind die mitlerweile als Doppel-CD
zusammengefassten Alben „Numena“ und „Geometry“
aus den Jahren ´86 und ´87, die noch von einem sehr
konventionellen Umgang mit elektronischen Instrumenten
geprägt sind.
Der Hang zu ruhigen, flächenhaft gestalteten
Soundstrukturen ist aber bereits auch hier schon
deutlich ablesbar und wird auf den Nachfolgealben „Rainforest“(´89)
und „Strata“ (´90, mit Steve Roach) unter
Einbeziehung erster sanfter Ethno-Einflüsse konsequent
fortgesetzt. Höhepunkt dieser Schaffensphase ist die CD
„Gaudi“ aus dem Jahre 1991, die einen ganz besonders
eindringlichen und harmonischen Eindruck hinterläßt.
Weitere Kooperationen mit Musikern wie Steve Roach, Alio
Die, Lisa Moskow und B. Lustmord sowie die Solo-Werke
„Propagation“ (´94) und „A Troubled Resting Place“
(´96) folgen und begründen in zunehmendem Maße das,
was heute landläufig als „Dark Ambient“ zu
verstehen ist.
Musik für den Raum oder der Raum als vertontes
Gedankengebilde, das in der Phantasie des Zuhörers
entsteht. Ein architektonisches Gedankengebäude, dessen
äußere Abmessungen nicht bekannt ist. Ein unfassbarer
imaginärer Baukörper, dessen überdimensionale Räume
sich mit jedem Schritt weiter ausdehnen und deren realitätsferner
Charakter durch eine sehr dunkle akustische Untermalung
Unbehagen, fast Beklommenheit hervorruft und vom Hörer
in entsprechende Bilder umgesetzt wird.
Das vorliegende, 3 CD umfassende Mammutwerk „Humidity“
(Feuchtigkeit) dokumentiert 3 Konzertmitschnitte aus dem
Jahr 1998 anläßlich unterschiedlicher Veranstaltungen
in Stanford, Venice und Pasadena. Sämtliche Titel gehen
nahtlos ineinander über und verschmelzen zu einem
Gesamtkunstwerk, dessen unterschiedliche Zeitpunkte der
Entstehung nicht zu bemerken sind. Die oben beschriebene
Herangehensweise an diese, zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftige
Stilrichtung, läßt sich an diesem Werk ganz besonders
gut nachvollziehen. Mit fast rhythmuslosen weiträumigen
Soundmustern installiert Rich ein ausdrucksstarkes
raumgreifendes Klanggefüge, das die Bereitschaft zur räumlichen
Vorstellungskraft fordert. Durch die bedrohlich wirkende
Grundstimmung wird dabei die geistig visuelle
Wahrnehmung in eine Richtung gelenkt, wo Türen zu einer
unwirklichen Welt mit ungewisser Weite und morbider
Ausstattung aufgestoßen werden.
Erfahrungsgemäß sei angemerkt, daß nachts im Dunkeln,
wenn die Konturen räumlicher Begrenzung verschwimmen,
die Aufnahmebereitschaft bei großzügig ausgelegter
Zimmerlautstärke am größten ist und die
volumenbetonten Klangstrukturen am intensivsten
verarbeitet werden können.
Rich präsentiert in gut 3 Stunden ein vertont
erlebbares Unterwelttrauma und führt seine Hörerschaft
mit jedem Titel in neue höhlenartige Räume mit mächtigen
Dimensionen, die ausgefüllt sind mit gewaltigen
Konstruktionen, wuchtigen Körpern und bizarren
Landschaften. Eingebettet in fahlem Licht und dunklen
Schatten wirken diese unterirdischen Gewölbe leblos und
kalt, farblos und karg. Mit schwadenhaftem Nebel,
feuchter Luft, undurchsichtigem Wasser und tropfnassem
Gestein gestalten sich diese irrationalen Welten als übernatürliche
Verliese mit grottenhaftem Charakter; befremdlich,
beinahe unnahbar und doch eindrucksvoll und mit einer
seltsamen Anziehungskraft. Zum Teil druckvoll
eingestreute Geräusche und Effekte lenken die Gedanken
zudem immer wieder in eine surrealistische
Kerker-Atmosphäre, mit laut knarrenden, ächzend
keuchenden Geräten und Apparaten von zweifelhafter
Funktion. Metallisch klirrende, dumpf stampfende
Maschinen erscheinen vor dem geistigen Auge und bewirken
ein Gefühl der Bedrohung und Faszination zugleich.
Seine archaisch inspirierten, blutarmen Klangkreationen
sind auch unter Elektronikfreunden sicher nicht
jedermanns Sache; wer sich jedoch geduldig und
konzentriert auf Rich´s Soundschöpfungen einläßt,
erlebt im Kopf ein visuelles Ereignis, das ohne die
unterstützende Kraft des Gehörten nur schwer
vorstellbar wäre.
Vertonte Architektur, die versucht mit spannungsvollen
und abgründig sphärischen Klanggebilden ein neues Feld
der akustischen Wahrnehmung bzw. dessen mentaler
Verarbeitung zu beleuchten.
Zum Schluß sei noch erwähnt, daß die gestalterische
Aufmachung dieser 3-CD-Box als sehr gelungen bezeichnet
werden kann. Die gefühlvolle Illustration wirkt stimmig
zum unkonventionellen Inhalt und vollendet den
geschlossenen Gesamteindruck dieser Konzert-Trilogie.
„Humidity“ ist somit ein besonderes Werk von ganz
eigener Art, mit großer Intensität und eigenartiger
Faszination, das einen weiteren Meilenstein in Rich's
eigenwilligen Schaffen darstellt.
Stephan Behn (02.06.2000)
Tracklist:
CD1,
April 2, 1998 Stanford, CA
Lost Caverns Of Caryatis (12.55)
Bioelectric Plasma (07.33)
Demilitarized Zone (14.16)
Synergistic Perceptions (10.52)
Ceramic Tincture (06.28)
Submission To Pele (07.22)
Humidity Toward The Troposphere (14.25)
CD2,
May 9, 1998 Venice, CA
Beyond Part 1 (16.26)
Beyond Part 2 (06.43)
Beyond Part 3 (06.52)
Beyond Part 4 (06.13)
Beyond Part 5 (03.51)
Beyond Part 6 (07.14)
CD3,
May 10, 1998 Pasadena, CA
Steel
Harmonics (07.45)
Nada (06.05)
Cloud Relapse (07.04)
Nightsky Reprise (16.56)
Hidden Refuge (09.02)
In A Miasma Of Malarial Delusions (15.51)
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