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Wolfram
Spyra ist ein Ausnahmemusiker, dem es binnen weniger
Jahre gelungen ist, sich in die allererste Riege
bedeutender Elektronik-Größen einzureihen, ohne bisher
auch nur annähernd deren Bekanntheitsgrad erlangt zu
haben. Zumindest unter Elektronik-Fans ist Spyra jedoch
schon lange kein Geheimtip mehr und die Behauptung, ohne
ihn würde der EM schon jetzt ein Stück Geschichte
fehlen, ist sicher nicht zu hoch gegriffen.
Sein aktuelles Album, das langersehnte aber dafür 3 CD
umfassende „Elevator To Heaven“ unterstreicht diesen
Status und ist dennoch kein typisches Spyra-Werk. Eine
Beurteilung macht es dabei erforderlich, die 3. CD
dieser 3 ½ stündigen Produktion zunächst einmal
auszuklammern, da sich diese stilistisch im erheblichen
Maße von den beiden ersteren unterscheidet.
Obwohl sich Teil 1 und 2 in Live- und Studio-Album
gliedern, bilden sie doch zusammen eine feste Einheit.
Dabei muß Spyra´s Hommage „Last Train To Bayreuth“
an Klaus Schulze nur als Wink mit dem Zaunpfahl
verstanden werden, denn beide Alben sind randvoll
gespickt mit Schulze-Zitaten, die Spyra´s Vorliebe für
dessen Musik aus den 70er Jahren wiederspiegeln.
Unverwechselbare Motive aus der Zeit von „Picture
Music“ über „Mirage“ bis „...Live...“ ergeben
dabei in ihrer Verwendung kein simples Imitat, sondern
werden von Spyra in chirurgischer Kleinarbeit
respektvoll interpretiert und virtuos variiert.
Schon das Konzert vom 11. November 2000 in der Berliner
Petrus-Kirche, das auf CD1 verewigt wurde, stand vom
konzeptionellen Aufbau her bereits ganz im Zeichen der
Berliner Schule, wobei insbesondere im 3. Stück, dem
neunminütigen „Cardioid“, die herrliche
Klangatmosphäre des Sakralbaues ganz besonders schön
zum Tragen kommt (d e r
elevator to heaven). Schulze´s klassische
Stilmittel aus den 70ern, sein wohlvertrautes
Sound-Vokabular und die typischen Tonartwechsel in den
Sequenzerlinien werden hier von Spyra immer wieder in
seine eigene Musik meisterlich (weil eigenwertig, einfühlsam
und unaufdringlich) verflochten und lassen überdies
ganz nebenbei auch Erinnerungen an die berühmten
Cathedral-Events von Tangerine Dream wieder aufleben.
Eine in Verehrung und sehr ambitioniert geführte
Auseinandersetzung mit dem Elektroniker der 1.
Generation, in der Spyra allerdings in seiner
perfektionierten Wertschätzung den Meister fast schon
kompromittiert. Denn läßt man einmal die technischen Möglichkeiten,
die in den letzten 20, 30 Jahren immer ausgereifter und
umfangreicher entwickelt wurden, beiseite, so ist die
Musik von Klaus Schulze in Teilen doch nur als
Rohdiamant zu verstehen, die in der Verarbeitung durch
Wolfram Spyra erst den hochwertigen Schliff erhält.
Daher läßt sich vielleicht auch besser verstehen,
warum auf CD2 ausgerechnet ein eher mittelprächtiges
Schulze-Werk wie „Timewind“ Spyra dazu inspiriert
hat, dem Übervater der Elektronik offiziell zu huldigen
(auch wenn Spyra klarstellt, dass dieses Frühwerk zu
seinen persönlichen Favoriten zählt). Ihm gelingt es
hier auf bemerkenswert überzeugende Weise die Thematik
des über 30-minütigen „Bayreuth Return“ in seiner
Essenz herauszuschälen und auf intelligente Weise so zu
überarbeiten, dass nicht nur die verborgenen Qualitäten
klar hervortreten, sondern auch ein vernünftiger
Spannungsbogen zu erkennen ist, so dass die komprimierte
Fassung von gut 10 Minuten letztendlich deutlich
attraktiver ausfällt als das Original. Diese mehr als
adäquate Leistung wird von ihm mit verblüffender
Leichtigkeit vollzogen und zieht sich mit erfrischender
Dynamik wie ein roter Faden durch beide CDs. Selbst die
von Schulze auf den Sequenzerläufen sonst so
nervenstrapazierend und ausschweifend gespielten
Solo-Improvisationen werden von Spyra auf ein erträglich
kurzweiliges Maß zurechtgestutzt und erhalten darüber
hinaus einen ansprechend sinnlichen Anstrich. Eines
seiner Lieblings-Instrumente, das Anfang der 70er Jahre
von Bob Rutman entwickelte und zum ersten Mal auf einer
Solo-CD zu hörende Bow Chimes / Stahlcello (laut
Begleitheft von „Virtual Vices II“ jedoch 2
verschiedene Instrumente) gewinnt in diesem Zusammenhang
einen ganz besonderen Stellenwert und verstärkt die
persönliche Handschrift, mit der er sich seinem Vorbild
nähert.
Vernachlässigt man einmal das etwas deplaziert wirkende
„Rememberance“ am Anfang von CD2, so führt Spyra
seinen exakt ausgeklügelten Dialog mit dem Meister der
alten Schule auf einer konstant anspruchsvollen aber zurückhaltenden
Ebene, die nur an einer Stelle durch das knapp 5-minütige
„Chord3Organ“ durchbrochen wird. Ein auf CD2
passgenau eingefügtes, wunderschönes und
klassikjazz-angehauchtes Intermezzo im Erik-Satie-Stil,
mit dem Spyra insbesondere auf „Sferics“ schon so
begeistern konnte und dem er zudem an dieser Stelle ein
gewisses 70er-Jahre-Flair anheften kann. Gefolgt von dem
anmutig dahinfließenden „Mentalized“ demonstriert
er zum Schluß dann noch einmal auf „San Tommaso Eqed“
die besonderen klanglichen Qualitäten der von Rutman
und ihm selbst entworfenen Stahl-Instrumente. Diese
Aufnahme wurde im Sommer 2000 in einer ehemaligen
Kapelle in Ravinj / Kroatien mitgeschnitten und ist
nicht nur eine Verbeugung vor Klaus Schulzes „Dune“,
sondern verhilft den beiden Alben gemeinsam mit dem
Konzertbeginn in Berlin „Here We Stand...“ auf CD1
zu einer rahmenhaften Geschlossenheit.
Gesamtheitlich betrachtet ist Spyra eine tadellose
Fusion von fremdem Einfluß und eigenem Anspruch in Stil
und Ausdruck gelungen; feingeistig, detailverliebt und
in sich schlüssig. Eine herausragende Leistung in der
Auseinandersetzung zwischen Tradition und Fortschritt
unter ganz wesentlicher Einbindung der eigenen Kreativität.
CD3 ist eine Zusammenstellung diverser Filmmusiken, die
aufgrund ihrer liedhaften Konzeption auch
konventionellere Geschmäcker anspricht und Spyra nach
„Little Garden....“ und dem „Akustischen Stadtplan
von Kassel“ erneut von seiner Seite als Auftragskünstler
zeigt. Doch das komplett andere Metier und die nicht zu
vermeidene heterogene Aneinanderreihung der einzelnen Stücke
stören den Verbund der ersten beiden CDs, so dass eine
separate Veröffentlichung den unterschiedlichen Alben
ein jeweils eigenständigeres Profil gegeben hätte. Ein
Manko, das auch die einheitliche Cover-Gestaltung nicht
kaschieren kann.
Doch hiervon einmal abgesehen besticht CD3 vor allem
durch den verstärkten Einsatz akustischer bzw.
akustisch klingender Instrumente, die diesem Album einen
angenehm emotionalen, beinah privaten Charakter
verleihen. Die zum Teil sehr feinfühlige und
handwerklich orientierte Verwendung von klassischen
Gitarren- und Pianoklängen ist unter Elektronikern eher
selten und es ist Spyra ohne weiteres zuzutrauen, dass
er seinem Publikum auch unplugged
einen besonderen Konzertabend bieten würde.
Wolfram Spyra ist ein Wühler und Tüftler mit einem
universalen Kunstinteresse, das ihn hinsichtlich Schall,
Klang und Musik immer wieder zu neuen Ideen und
Experimenten verleitet. Insofern wird „Elevator To
Heaven“ nicht die letzte Überraschung gewesen sein,
die die unterschiedlichen Facetten in seinem Schaffen
demonstriert. Seine breitgefächerten Interessen und
zahlreichen Einfälle bzw. deren innovative und
durchdachte Umsetzung machen ihn zu einem Glücksfall für
das EM-Genre, das ihm zukünftig nicht nur weiterhin
Sympathien und Anerkennung einbringen wird, sondern
verdientermaßen auch sehr bald einen festen Platz neben
den ganz Großen in diesem Geschäft. Stephan Behn
(26.12.2001)
Tracklist:
CD1:
Intro (10.06)
Here We Stand....(05.05)
Cardioid (08.59)
Under The Bridge (06.30)
Slow Steam Engine (04.09)
Tired Steel, Out There (03.58)
Breath (Main Theme) (15.06)
....At Night....(04.08)
Coming Up From The East (06.10)
Fleeing Westwards (06.37)
CD2:
Rememberance
(08.47)
Rain On Water (12.34)
Last Train To Bayreuth (10.26)
Chord3Organ (04.52)
Mentalized (14.31)
San Tommaso Eqed (11.32)
CD3:
16 Titel (72.20) |