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Spyra: Elevator To Heaven

Stilrichtung: Moderne Elektronik, Mischung aus Berliner Schule und Chill Out-Elementen

Manikin Records, MRCD 7063 LC 05804 (2001)

  Musiker: Wolfram DER Spyra (electronics)

Wolfram Spyra ist ein Ausnahmemusiker, dem es binnen weniger Jahre gelungen ist, sich in die allererste Riege bedeutender Elektronik-Größen einzureihen, ohne bisher auch nur annähernd deren Bekanntheitsgrad erlangt zu haben. Zumindest unter Elektronik-Fans ist Spyra jedoch schon lange kein Geheimtip mehr und die Behauptung, ohne ihn würde der EM schon jetzt ein Stück Geschichte fehlen, ist sicher nicht zu hoch gegriffen.
Sein aktuelles Album, das langersehnte aber dafür 3 CD umfassende „Elevator To Heaven“ unterstreicht diesen Status und ist dennoch kein typisches Spyra-Werk. Eine Beurteilung macht es dabei erforderlich, die 3. CD dieser 3 ½ stündigen Produktion zunächst einmal auszuklammern, da sich diese stilistisch im erheblichen Maße von den beiden ersteren unterscheidet.
Obwohl sich Teil 1 und 2 in Live- und Studio-Album gliedern, bilden sie doch zusammen eine feste Einheit. Dabei muß Spyra´s Hommage „Last Train To Bayreuth“ an Klaus Schulze nur als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden werden, denn beide Alben sind randvoll gespickt mit Schulze-Zitaten, die Spyra´s Vorliebe für dessen Musik aus den 70er Jahren wiederspiegeln. Unverwechselbare Motive aus der Zeit von „Picture Music“ über „Mirage“ bis „...Live...“ ergeben dabei in ihrer Verwendung kein simples Imitat, sondern werden von Spyra in chirurgischer Kleinarbeit respektvoll interpretiert und virtuos variiert.
Schon das Konzert vom 11. November 2000 in der Berliner Petrus-Kirche, das auf CD1 verewigt wurde, stand vom konzeptionellen Aufbau her bereits ganz im Zeichen der Berliner Schule, wobei insbesondere im 3. Stück, dem neunminütigen „Cardioid“, die herrliche Klangatmosphäre des Sakralbaues ganz besonders schön zum Tragen kommt (d e r  elevator to heaven). Schulze´s klassische Stilmittel aus den 70ern, sein wohlvertrautes Sound-Vokabular und die typischen Tonartwechsel in den Sequenzerlinien werden hier von Spyra immer wieder in seine eigene Musik meisterlich (weil eigenwertig, einfühlsam und unaufdringlich) verflochten und lassen überdies ganz nebenbei auch Erinnerungen an die berühmten Cathedral-Events von Tangerine Dream wieder aufleben. Eine in Verehrung und sehr ambitioniert geführte Auseinandersetzung mit dem Elektroniker der 1. Generation, in der Spyra allerdings in seiner perfektionierten Wertschätzung den Meister fast schon kompromittiert. Denn läßt man einmal die technischen Möglichkeiten, die in den letzten 20, 30 Jahren immer ausgereifter und umfangreicher entwickelt wurden, beiseite, so ist die Musik von Klaus Schulze in Teilen doch nur als Rohdiamant zu verstehen, die in der Verarbeitung durch Wolfram Spyra erst den hochwertigen Schliff erhält.
Daher läßt sich vielleicht auch besser verstehen, warum auf CD2 ausgerechnet ein eher mittelprächtiges Schulze-Werk wie „Timewind“ Spyra dazu inspiriert hat, dem Übervater der Elektronik offiziell zu huldigen (auch wenn Spyra klarstellt, dass dieses Frühwerk zu seinen persönlichen Favoriten zählt). Ihm gelingt es hier auf bemerkenswert überzeugende Weise die Thematik des über 30-minütigen „Bayreuth Return“ in seiner Essenz herauszuschälen und auf intelligente Weise so zu überarbeiten, dass nicht nur die verborgenen Qualitäten klar hervortreten, sondern auch ein vernünftiger Spannungsbogen zu erkennen ist, so dass die komprimierte Fassung von gut 10 Minuten letztendlich deutlich attraktiver ausfällt als das Original. Diese mehr als adäquate Leistung wird von ihm mit verblüffender Leichtigkeit vollzogen und zieht sich mit erfrischender Dynamik wie ein roter Faden durch beide CDs. Selbst die von Schulze auf den Sequenzerläufen sonst so nervenstrapazierend und ausschweifend gespielten Solo-Improvisationen werden von Spyra auf ein erträglich kurzweiliges Maß zurechtgestutzt und erhalten darüber hinaus einen ansprechend sinnlichen Anstrich. Eines seiner Lieblings-Instrumente, das Anfang der 70er Jahre von Bob Rutman entwickelte und zum ersten Mal auf einer Solo-CD zu hörende Bow Chimes / Stahlcello (laut Begleitheft von „Virtual Vices II“ jedoch 2 verschiedene Instrumente) gewinnt in diesem Zusammenhang einen ganz besonderen Stellenwert und verstärkt die persönliche Handschrift, mit der er sich seinem Vorbild nähert.
Vernachlässigt man einmal das etwas deplaziert wirkende „Rememberance“ am Anfang von CD2, so führt Spyra seinen exakt ausgeklügelten Dialog mit dem Meister der alten Schule auf einer konstant anspruchsvollen aber zurückhaltenden Ebene, die nur an einer Stelle durch das knapp 5-minütige „Chord3Organ“ durchbrochen wird. Ein auf CD2 passgenau eingefügtes, wunderschönes und klassikjazz-angehauchtes Intermezzo im Erik-Satie-Stil, mit dem Spyra insbesondere auf „Sferics“ schon so begeistern konnte und dem er zudem an dieser Stelle ein gewisses 70er-Jahre-Flair anheften kann. Gefolgt von dem anmutig dahinfließenden „Mentalized“ demonstriert er zum Schluß dann noch einmal auf „San Tommaso Eqed“ die besonderen klanglichen Qualitäten der von Rutman und ihm selbst entworfenen Stahl-Instrumente. Diese Aufnahme wurde im Sommer 2000 in einer ehemaligen Kapelle in Ravinj / Kroatien mitgeschnitten und ist nicht nur eine Verbeugung vor Klaus Schulzes „Dune“, sondern verhilft den beiden Alben gemeinsam mit dem Konzertbeginn in Berlin „Here We Stand...“ auf CD1 zu einer rahmenhaften Geschlossenheit.
Gesamtheitlich betrachtet ist Spyra eine tadellose Fusion von fremdem Einfluß und eigenem Anspruch in Stil und Ausdruck gelungen; feingeistig, detailverliebt und in sich schlüssig. Eine herausragende Leistung in der Auseinandersetzung zwischen Tradition und Fortschritt unter ganz wesentlicher Einbindung der eigenen Kreativität.
CD3 ist eine Zusammenstellung diverser Filmmusiken, die aufgrund ihrer liedhaften Konzeption auch konventionellere Geschmäcker anspricht und Spyra nach „Little Garden....“ und dem „Akustischen Stadtplan von Kassel“ erneut von seiner Seite als Auftragskünstler zeigt. Doch das komplett andere Metier und die nicht zu vermeidene heterogene Aneinanderreihung der einzelnen Stücke stören den Verbund der ersten beiden CDs, so dass eine separate Veröffentlichung den unterschiedlichen Alben ein jeweils eigenständigeres Profil gegeben hätte. Ein Manko, das auch die einheitliche Cover-Gestaltung nicht kaschieren kann.
Doch hiervon einmal abgesehen besticht CD3 vor allem durch den verstärkten Einsatz akustischer bzw. akustisch klingender Instrumente, die diesem Album einen angenehm emotionalen, beinah privaten Charakter verleihen. Die zum Teil sehr feinfühlige und handwerklich orientierte Verwendung von klassischen Gitarren- und Pianoklängen ist unter Elektronikern eher selten und es ist Spyra ohne weiteres zuzutrauen, dass er seinem Publikum auch unplugged einen besonderen Konzertabend bieten würde.
Wolfram Spyra ist ein Wühler und Tüftler mit einem universalen Kunstinteresse, das ihn hinsichtlich Schall, Klang und Musik immer wieder zu neuen Ideen und Experimenten verleitet. Insofern wird „Elevator To Heaven“ nicht die letzte Überraschung gewesen sein, die die unterschiedlichen Facetten in seinem Schaffen demonstriert. Seine breitgefächerten Interessen und zahlreichen Einfälle bzw. deren innovative und durchdachte Umsetzung machen ihn zu einem Glücksfall für das EM-Genre, das ihm zukünftig nicht nur weiterhin Sympathien und Anerkennung einbringen wird, sondern verdientermaßen auch sehr bald einen festen Platz neben den ganz Großen in diesem Geschäft. Stephan Behn (26.12.2001)

Tracklist:

CD1:

Intro (10.06)
Here We Stand....(05.05)
Cardioid (08.59)
Under The Bridge (06.30)
Slow Steam Engine (04.09)
Tired Steel, Out There (03.58)
Breath (Main Theme) (15.06)
....At Night....(04.08)
Coming Up From The East (06.10)
Fleeing Westwards (06.37)

CD2:

Rememberance (08.47)
Rain On Water (12.34)
Last Train To Bayreuth (10.26)
Chord3Organ (04.52)
Mentalized (14.31)
San Tommaso Eqed (11.32)

CD3:

16 Titel (72.20)

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