Zur Startseite

Tom Heasley: Where The Earth Meets Sky

Stilrichtung: Ambient

Hypnos, UPC 75390-71264-26 (2001)

Musiker: Tom Heasley (elektronisch modifizierte Tuba)

Vor Einlegen der CD erheitert zunächst das Innencover. Ein Musiker mit seiner Tuba auf dem Kopf – inkognito quasi. Doch was hat dieses Instrument, das ansonsten wohl eher mit bayrischer Bierlaune und zünftiger Knödel-Musik in Verbindung gebracht wird, mit meditationslastigen Klangentwürfen zu tun? Sehr viel, denn Tom Heasley hat nicht nur eine klassische Ausbildung als Tuba-Spieler absolviert, sondern ist aufgrund seiner Neugier und Experimentierfreudigkeit auch in intellektuellen Musikerkreisen beheimatet. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Entwicklung und Ausschöpfung neuer akustischer Möglichkeiten, wofür dieses vorurteilbehaftete Instrument zunächst ungeeignet erscheint. Ein großer Trugschluß, denn was Heasley unter Verwendung technischer Hilfsmittel aus diesem behäbigen Blasinstrument hervorholt verfehlt nicht einer frappierenden Wirkung. Die Manipulation bzw. Aufarbeitung mit elektronischem Equipment verleiht dem volltönend tiefen Eigenklang der Tuba eine schwere plastische Fülle und macht dieses Album zu einem ganz speziellen Hörerlebnis.
Heasley´s Debüt gliedert sich in 4 Teile, die in einer Länge von jeweils ca. 15 Minuten ohne Nachbearbeitung (live) im Studio eingespielt wurden. Die ersten beiden Stücke „Ground Zero“ und „Western Sky“ wurden aus langanhaltenden, sich in Endlosschleifen übereinanderlagernden Drones geformt, denen kaum noch anzumerken ist, dass sie eigentlich einem konventionellen Instrument entstammen. Insbesondere „Ground Zero“ ist Ambient-Kunst in Vollendung. Die gehaltvollen, endlos dahindriftenden Klangwolken haben eine feierliche, nahezu überirdische („Where The Earth Meets The Sky“) Qualität und suggerieren überwältigende Stille und grenzenlose Weite. Sie transportieren den Hörer in einen träumerischen Zustand und bewirken eine Art Seelenmassage. Das CD-Cover entspricht dabei der bildlichen Umsetzung dieser raumgreifenden Sound-Entwürfe. Eine hauptsächlich aus Blautönen skizzierte Berglandschaft versinnbildlicht den Grenzbereich zwischen Himmel und Erde, wobei das Bild den Eindruck erweckt, als hätte der Künstler mehrere Folien übereinandergelegt und diese hinterleuchtet, um mentales Wohlbefinden in unauflösbarem Einklang mit Musik und Natur noch stärker zu verdeutlichen.
Titel 3 und 4 sind konzeptionell etwas experimenteller geraten und ergeben im Gesamtaufbau eine weniger dichte Textur, sind aber an Intensität und Substanz noch körperhafter geraten. Die sehr markant geratenen Tonfolgen vernetzen sich weniger ineinander als bei den erstgenannten Titeln, stehen dafür aber in einem intensiven Dialog zueinander. Die kunstvolle Umsetzung miteinander kommunizierender Wale ist wohl die naheliegendste Metapher, die sich hier zeitweilig beim Hörer einstellt und unterstreicht die mannigfaltigen Möglichkeiten, die Heasley mit diesem Album noch lange nicht ausgeschöpft hat.
Bereits vor 20 Jahren hat der Jazz-Trompeter Jon Hassell zusammen mit Brian Eno in einer ganz ähnlichen Richtung gearbeitet. Seine etwas unverdaulichen Sound-Kreationen sind allerdings nicht jedermanns Sache und mit den tiefgreifenden Entwürfen von Heasley nicht zu vergleichen. Doch Hassell hat damals schon mit vielschichtig ausgetüftelten Rhythmusteppichen gearbeitet, die für Heasley nicht ganz uninteressant sein dürften und für ihn Anreiz sein könnten sich in ähnlicher Weise weiter zu entwickeln. Auf seine persönliche Klangsprache fein abgestimmte Rhythmusstrukturen würden seinen individuellen Stil da mit Sicherheit um weitere spannungsreiche Facetten bereichern.
Ambient-Ikone Robert Rich, dem Heasley bereits vor vier Jahren ein Demo-Tape zukommen ließ, erkannte die besonderen Qualitäten in dessen Musik und stellte ihm sein Studio für dieses Album zur Verfügung. Eine mögliche Zusammenarbeit für ein gemeinsames Projekt wäre darüber hinaus denkbar hochinteressant und in Anbetracht der Verschmelzung beider Stile ein sicher außerordentlich fruchtbares Unterfangen.
Wer hätte das gedacht? Die Tuba – Dank Tom Heasley ein Glücksfall in der Erforschung neuer Schallwelten. Stephan Behn (11.08.2001)

Tracklist:

Ground Zero (17.02)
Western Sky (14.44)
Monterey Bay (15.11)
Where The Earth Meets The Sky (16.05)

WEITERE CD-TIPPs FINDEN SIE HIER!