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Vor
Einlegen der CD erheitert zunächst das Innencover. Ein
Musiker mit seiner Tuba auf dem Kopf – inkognito
quasi. Doch was hat dieses Instrument, das ansonsten
wohl eher mit bayrischer Bierlaune und zünftiger Knödel-Musik
in Verbindung gebracht wird, mit meditationslastigen
Klangentwürfen zu tun? Sehr viel, denn Tom Heasley hat
nicht nur eine klassische Ausbildung als Tuba-Spieler
absolviert, sondern ist aufgrund seiner Neugier und
Experimentierfreudigkeit auch in intellektuellen
Musikerkreisen beheimatet. Sein besonderes Interesse
gilt dabei der Entwicklung und Ausschöpfung neuer
akustischer Möglichkeiten, wofür dieses
vorurteilbehaftete Instrument zunächst ungeeignet
erscheint. Ein großer Trugschluß, denn was Heasley
unter Verwendung technischer Hilfsmittel aus diesem behäbigen
Blasinstrument hervorholt verfehlt nicht einer
frappierenden Wirkung. Die Manipulation bzw.
Aufarbeitung mit elektronischem Equipment verleiht dem
volltönend tiefen Eigenklang der Tuba eine schwere
plastische Fülle und macht dieses Album zu einem ganz
speziellen Hörerlebnis.
Heasley´s Debüt gliedert sich in 4 Teile, die in einer
Länge von jeweils ca. 15 Minuten ohne Nachbearbeitung
(live) im Studio eingespielt wurden. Die ersten beiden
Stücke „Ground Zero“ und „Western Sky“ wurden
aus langanhaltenden, sich in Endlosschleifen übereinanderlagernden
Drones geformt,
denen kaum noch anzumerken ist, dass sie eigentlich
einem konventionellen Instrument entstammen.
Insbesondere „Ground Zero“ ist Ambient-Kunst in
Vollendung. Die gehaltvollen, endlos dahindriftenden
Klangwolken haben eine feierliche, nahezu überirdische
(„Where The Earth Meets The Sky“) Qualität und
suggerieren überwältigende Stille und grenzenlose
Weite. Sie transportieren den Hörer in einen träumerischen
Zustand und bewirken eine Art Seelenmassage. Das
CD-Cover entspricht dabei der bildlichen Umsetzung
dieser raumgreifenden Sound-Entwürfe. Eine hauptsächlich
aus Blautönen skizzierte Berglandschaft
versinnbildlicht den Grenzbereich zwischen Himmel und
Erde, wobei das Bild den Eindruck erweckt, als hätte
der Künstler mehrere Folien übereinandergelegt und
diese hinterleuchtet, um mentales Wohlbefinden in unauflösbarem
Einklang mit Musik und Natur noch stärker zu
verdeutlichen.
Titel 3 und 4 sind konzeptionell etwas experimenteller
geraten und ergeben im Gesamtaufbau eine weniger dichte
Textur, sind aber an Intensität und Substanz noch körperhafter
geraten. Die sehr markant geratenen Tonfolgen vernetzen
sich weniger ineinander als bei den erstgenannten
Titeln, stehen dafür aber in einem intensiven Dialog
zueinander. Die kunstvolle Umsetzung miteinander
kommunizierender Wale ist wohl die naheliegendste
Metapher, die sich hier zeitweilig beim Hörer einstellt
und unterstreicht die mannigfaltigen Möglichkeiten, die
Heasley mit diesem Album noch lange nicht ausgeschöpft
hat.
Bereits vor 20 Jahren hat der Jazz-Trompeter Jon Hassell
zusammen mit Brian Eno in einer ganz ähnlichen Richtung
gearbeitet. Seine etwas unverdaulichen Sound-Kreationen
sind allerdings nicht jedermanns Sache und mit den
tiefgreifenden Entwürfen von Heasley nicht zu
vergleichen. Doch Hassell hat damals schon mit
vielschichtig ausgetüftelten Rhythmusteppichen
gearbeitet, die für Heasley nicht ganz uninteressant
sein dürften und für ihn Anreiz sein könnten sich in
ähnlicher Weise weiter zu entwickeln. Auf seine persönliche
Klangsprache fein abgestimmte Rhythmusstrukturen würden
seinen individuellen Stil da mit Sicherheit um weitere
spannungsreiche Facetten bereichern.
Ambient-Ikone Robert Rich, dem Heasley bereits vor vier
Jahren ein Demo-Tape zukommen ließ, erkannte die
besonderen Qualitäten in dessen Musik und stellte ihm
sein Studio für dieses Album zur Verfügung. Eine mögliche
Zusammenarbeit für ein gemeinsames Projekt wäre darüber
hinaus denkbar hochinteressant und in Anbetracht der
Verschmelzung beider Stile ein sicher außerordentlich
fruchtbares Unterfangen.
Wer hätte das gedacht? Die Tuba – Dank Tom Heasley
ein Glücksfall in der Erforschung neuer Schallwelten.
Stephan Behn (11.08.2001)
Tracklist:
Ground Zero (17.02)
Western Sky (14.44)
Monterey Bay (15.11)
Where The Earth Meets The Sky (16.05) |