“Vom Brocken zum Olymp”

Bernd Wolff folgt den Spuren des“ Klippenwandrers“ Harry (Heinrich) Heine auf dessen Harzreise 1824

Da trägt einer schwer an seiner Last. Träumt, ein berühmter Dichter zu werden und nicht als Jurist zu arbeiten, wie sein Vater es will. Um leben zu können, braucht es jedoch eines sicheren Broterwerbs. Wandert durchs Gebirg‘ und hadert mit seiner jüdischen Herkunft. Die Zeichen stehen schlecht im Deutschland der 1820er Jahre, vor allem für Juden. Der preußische Staat hat ein Gesetz erlassen, welches es Juden verbietet, akademische Lehrämter zu bekleiden. Ebenso beschränkt die Zensur jede freie Meinungsäußerung. Wie soll er leben, wenn er sein Studium der Jurisprudenz in Göttingen endlich abgeschlossen hat? Vielleicht kann der große Dichterfürst in Weimar helfen, denn Gedichte und zwei seiner Dramen hatte er ihm bereits zugesandt. Zwar war blieb die Reaktion aus, aber wenn er persönlich vorstellig würde, wäre ihm seine Anerkennung sicher. Doch die Geschichte nahm einen anderen Lauf. Weiterlesen

Amélie Nothomb “Reality-Show”

NothombEs passiert an einem beliebigen Tag, als unschuldige Menschen auf der Straße abgeführt werden und sich in Viehwaggons, eng zusammengedrängt, wieder finden. Keines der Opfer ahnt nur im Entferntesten, wohin die Reise geht.
Nein, dies ist kein Roman über die Deportationen Millionen Unschuldiger während der Zeit des faschistisch besetzten Europas, sondern der Auftakt zu einer schockierenden Satire der französisch-belgischen Autorin Amélie Nothomb über die Folgen medialer Verrohung.
Die Verhafteten werden in ein Lager gebracht, „ dass denen der Nazis vor nicht allzu langer Zeit relativ ähnlich war“, mit einem Unterschied – überall sind Überwachungskameras installiert. Ungewollt werden sie zu Akteuren einer TV-Show mit dem Namen „Konzentration“, denn „öde Containergeschichten sind out“, wie ein Mitarbeiter des produzierenden Fernsehsenders lakonisch bemerkt. Weiterlesen

Daniel Kehlmann “Die Vermessung der Welt”

KehlmannVermessungDer Erfolg des Autors Daniel Kehlmann entwickelt sich allmählich. Zum Glück, möchte man sagen, denn kein auflagenschwerer Erstling blockierte seinen Aufstieg und setzte die Erwartungen an Folgendes so hoch, dass der Autor daran hätte zerbrechen können.
In aller Ruhe hat Kehlmann in jährlichem Abstand mittlerweile vier Romane, einen Erzählungsband und eine Novelle veröffentlicht. Dies ist um so beachtlicher, bedenkt man sein Alter von gerade einmal 30 Jahren.
Nun, nach einem Wechsel vom Suhrkamp zum Rowohlt Verlag, legt Daniel Kehlmann seinen neuesten Roman mit dem Titel “Die Vermessung der Welt” vor. Er erzählt darin die Geschichte zweier bedeutender deutscher Wissenschafter; die des kauzigen und menschenscheuen Mathematikers Carl Friedrich Gauß und die des besessenen Forschungsreisenden Alexander von Humboldt. In ihren Lebensentwürfen konnten sie nicht entfernter sein, doch einte sie der Drang, Neuland zu erobern. Weiterlesen

Jakob Arjouni “Idioten”

ArjouniIdiotenFür Max konnte es so nicht weitergehen. Wenn er Ronni, seinem Partner in der Werbefirma, nicht endlich die Meinung sagte, würde die ganze Firma bald vor der Pleite stehen. Aber wie beginnen, wenn man nicht den Mut hat, jemanden die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, denn gleich würde Ronni das Restaurant betreten, denn sie hatten sich zum Essen verabredet.
Ronni benahm sich in letzter Zeit wirklich unmöglich. Erst gestern hatte er Nina den Urlaub gestrichen und beinahe einen großen Auftrag durch dummes Gerede in den Sand gesetzt. „Das Problem mit Idioten ist es“, denkt Max, „dass sie zu idiotisch sind, um ihre Idiotie einzusehen.“ Und Ronni bildete da keine Ausnahme.
Doch wenn die Not am größten ist, erscheint, wie im Märchen, eine gute Fee und erfüllt einem Wünsche. Weiterlesen

George Tabori “Autodafé”

TaboriAuto Manch Autobiographie darf sich ihres enormen Umfanges rühmen. Aus unzähligen Seiten wird auch noch das Intimste in der Hoffnung aufgeschrieben, dass es irgendjemanden auf dieser Welt gibt, der sich dafür interessiert. Nicht selten langweilen solche Pamphlete ungemein und berühren zumeist peinlich.
Nicht so das jüngste Buch des großen Schriftstellers und Dramaturgen George Tabori. Denn dessen “Autodafé” betitelte Erinnerungen begeistern von der ersten bis zur letzten Seite. Hier erzählt jemand aus seinem Leben, welches durchaus bewegt war, in einem lockeren, meist selbstironischen Plauderton, ohne jemals geschwätzig zu werden. “Meine Erinnerung gibt nicht allzu viele Geheimnisse her, sondern stammelt und springt undeutlich hin und her.”, bemerkt Tabori an einer Stelle. Und vielleicht ist es dieses Nichteinhalten einer strengen Chronologie, was den zusätzlichen Reiz dieses Buches ausmacht. Weiterlesen