Amélie Nothomb “Reality-Show”

NothombEs passiert an einem beliebigen Tag, als unschuldige Menschen auf der Straße abgeführt werden und sich in Viehwaggons, eng zusammengedrängt, wieder finden. Keines der Opfer ahnt nur im Entferntesten, wohin die Reise geht.
Nein, dies ist kein Roman über die Deportationen Millionen Unschuldiger während der Zeit des faschistisch besetzten Europas, sondern der Auftakt zu einer schockierenden Satire der französisch-belgischen Autorin Amélie Nothomb über die Folgen medialer Verrohung.
Die Verhafteten werden in ein Lager gebracht, „ dass denen der Nazis vor nicht allzu langer Zeit relativ ähnlich war“, mit einem Unterschied – überall sind Überwachungskameras installiert. Ungewollt werden sie zu Akteuren einer TV-Show mit dem Namen „Konzentration“, denn „öde Containergeschichten sind out“, wie ein Mitarbeiter des produzierenden Fernsehsenders lakonisch bemerkt. Weiterlesen

Jakob Arjouni “Idioten”

ArjouniIdiotenFür Max konnte es so nicht weitergehen. Wenn er Ronni, seinem Partner in der Werbefirma, nicht endlich die Meinung sagte, würde die ganze Firma bald vor der Pleite stehen. Aber wie beginnen, wenn man nicht den Mut hat, jemanden die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, denn gleich würde Ronni das Restaurant betreten, denn sie hatten sich zum Essen verabredet.
Ronni benahm sich in letzter Zeit wirklich unmöglich. Erst gestern hatte er Nina den Urlaub gestrichen und beinahe einen großen Auftrag durch dummes Gerede in den Sand gesetzt. „Das Problem mit Idioten ist es“, denkt Max, „dass sie zu idiotisch sind, um ihre Idiotie einzusehen.“ Und Ronni bildete da keine Ausnahme.
Doch wenn die Not am größten ist, erscheint, wie im Märchen, eine gute Fee und erfüllt einem Wünsche. Weiterlesen

Ian McEwan “Abbitte”

McEwanAbbitte“Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, dass die Welt genauso und nicht anders zu sein hat.” – mit fatalen Folgen für ihre Mitmenschen, wie Ian McEwan in seinem aktuellen Roman in dieses Mal ungewohnt epischer Breite erzählt. Wie bereits in seinen früheren Büchern, stehen wieder junge Menschen, die sich auf dem beschwerlichen Weg der der Selbstfindung befinden, im Mittelpunkt der Handlung.
Eigentlich hatte Briony geplant, ihr Theaterstück mit dem etwas pathetischen Titel “Die Heimsuchungen Arabellas” am Abend der Ankunft ihres Bruders aufzuführen, doch die Proben verliefen nicht nach Plan. Vielleicht war die unerträgliche Hitze Schuld, dass weder ihre Cousine noch deren kleine Zwillingsbrüder sich an ihre Anweisungen und Zeitabsprachen hielten. Jedenfalls verbrachte Briony viel Zeit mit Warten. Während sie verträumt aus dem Fenster sah, beobachtet sie ihre Schwester Cecilia und den Sohn der Haushälterin, Robbie, wie diese sich am Swimmingpool unterhielten und, für sie nicht verständlich, sich wild gestikulierend um eine wertvolle Vase stritten. Am Abend dann überraschte sie beide in der Bibliothek, wie sie sich eng umschlungen ihrer Leidenschaft hingaben. Als dann in der Nacht auch noch die Zwillinge verschwanden und in einer groß angelegten Aktion gesucht werden mussten, schien sich die knisternde Spannung, die in der Luft lag, zu entladen. Weiterlesen