George Tabori “Autodafé”

TaboriAuto Manch Autobiographie darf sich ihres enormen Umfanges rühmen. Aus unzähligen Seiten wird auch noch das Intimste in der Hoffnung aufgeschrieben, dass es irgendjemanden auf dieser Welt gibt, der sich dafür interessiert. Nicht selten langweilen solche Pamphlete ungemein und berühren zumeist peinlich.
Nicht so das jüngste Buch des großen Schriftstellers und Dramaturgen George Tabori. Denn dessen “Autodafé” betitelte Erinnerungen begeistern von der ersten bis zur letzten Seite. Hier erzählt jemand aus seinem Leben, welches durchaus bewegt war, in einem lockeren, meist selbstironischen Plauderton, ohne jemals geschwätzig zu werden. “Meine Erinnerung gibt nicht allzu viele Geheimnisse her, sondern stammelt und springt undeutlich hin und her.”, bemerkt Tabori an einer Stelle. Und vielleicht ist es dieses Nichteinhalten einer strengen Chronologie, was den zusätzlichen Reiz dieses Buches ausmacht. Weiterlesen

Ian McEwan “Abbitte”

McEwanAbbitte“Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, dass die Welt genauso und nicht anders zu sein hat.” – mit fatalen Folgen für ihre Mitmenschen, wie Ian McEwan in seinem aktuellen Roman in dieses Mal ungewohnt epischer Breite erzählt. Wie bereits in seinen früheren Büchern, stehen wieder junge Menschen, die sich auf dem beschwerlichen Weg der der Selbstfindung befinden, im Mittelpunkt der Handlung.
Eigentlich hatte Briony geplant, ihr Theaterstück mit dem etwas pathetischen Titel “Die Heimsuchungen Arabellas” am Abend der Ankunft ihres Bruders aufzuführen, doch die Proben verliefen nicht nach Plan. Vielleicht war die unerträgliche Hitze Schuld, dass weder ihre Cousine noch deren kleine Zwillingsbrüder sich an ihre Anweisungen und Zeitabsprachen hielten. Jedenfalls verbrachte Briony viel Zeit mit Warten. Während sie verträumt aus dem Fenster sah, beobachtet sie ihre Schwester Cecilia und den Sohn der Haushälterin, Robbie, wie diese sich am Swimmingpool unterhielten und, für sie nicht verständlich, sich wild gestikulierend um eine wertvolle Vase stritten. Am Abend dann überraschte sie beide in der Bibliothek, wie sie sich eng umschlungen ihrer Leidenschaft hingaben. Als dann in der Nacht auch noch die Zwillinge verschwanden und in einer groß angelegten Aktion gesucht werden mussten, schien sich die knisternde Spannung, die in der Luft lag, zu entladen. Weiterlesen

Anna Gavalda “Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet”

GavaldaIchEigentlich begann an diesem 29. September 1997 alles so wie immer. Der Erzähler der Geschichte “Die Meldung des Tages”, Vertreter einer Fleischerei, ist auf der Autobahn unterwegs zu Kunden. Es herrschte dichter Nebel und in Gedanken versunken hätte er beinahe die Ausfahrt verpasst. Nur wenig später erreichte ihn ein Anruf seiner besorgten Frau, die sich vergewissern wollte, dass ihm bei der Massenkarambolage auf A 13, seiner Fahrstrecke, auch nichts passiert sei. Von einem Unfall habe er nichts mitbekommen, erwiderte er beruhigend.
Erst in den Abendnachrichten verfolgte er gebannt die Berichte, die Bilder von demolierten Autos und zahlreichen Toten zeigten. Ein Verdacht regte sich in ihm, den er jedoch selbst beschwichtigend verdrängte. Erst als ein Lkw-Fahrer von einem Autofahrer erzählte, der auf der Autobahn rückwärts fuhr, um die verpasste Abfahrt zu erreichen, wurde seine bangen Vermutungen Gewissheit. Er war der Geisterfahrer. Weiterlesen

Michael Cunningham “Die Stunden”

CunninghamStundenEin Angler in einer roten Jacke und ein trüber, bewölkter Himmel sollten die letzten Wahrnehmungen in ihrem Leben sein. Sie stürzt sich in die Fluten des Flusses, wird von seiner Strömung davongetragen. Schwerelos treibt sie im trüben Wasser, scheint zu fliegen. Sie ertrinkt.
So stellt sich Michael Cunningham den Freitod Virginia Woolfs vor; die letzten Minuten einer wundervollen Schriftstellerin, die das Leben, als der Wahnsinn Besitz von ihr ergriff, nicht mehr ertrug.
Mit „Die Stunden” hat der Luchterhand Verlag einen mehrfach preisgekrönten (Pulitzerpreis, PEN/Faulkner-Award) Roman des amerikanischen Autors Michael Cunningham verlegt, der den Leser auf wunderbar poetische Weise in die Lebenswelten von drei Frauen entführt, die jede auf ihre Weise mit Mrs. Dalloway, der Protagonistin aus Virginia Woolfs gleichnamigen Roman, verbunden sind. Weiterlesen

J.M.Coetzee “Schande”

SchandeWenn Lebensbahnen ihre gewohnte und vertraute Spur verlassen, suchen wir Antworten auf die Frage nach dem Sinn unseres Lebens. Wir fragen nach dem Wohin, blicken hilflos um uns und greifen nach dem Strohhalm, der Rettung verspricht. Alle Kräfte sammelnd, unternehmen wir den Versuch unser Leben durch einen, meist paradox erscheinenden, Akt der Selbstbestätigung wieder in den Griff zu bekommen.
J.M. Coetzee zeichnet in seinem aktuellen Roman „Schande”, für den er 1999 den Booker-Prize erhielt, den Lebensweg des 52jährigen Universitätsprofessors Richard Lurie nach, der nach zwei gescheiterten Ehen und zunehmender beruflicher wie privater Unzufriedenheit versucht, in einem letzten Akt der Selbstbestätigung, seinem Leben zu neuem Sinn zu verhelfen. Weiterlesen