“Vom Brocken zum Olymp”

Bernd Wolff folgt den Spuren des“ Klippenwandrers“ Harry (Heinrich) Heine auf dessen Harzreise 1824

Da trägt einer schwer an seiner Last. Träumt, ein berühmter Dichter zu werden und nicht als Jurist zu arbeiten, wie sein Vater es will. Um leben zu können, braucht es jedoch eines sicheren Broterwerbs. Wandert durchs Gebirg‘ und hadert mit seiner jüdischen Herkunft. Die Zeichen stehen schlecht im Deutschland der 1820er Jahre, vor allem für Juden. Der preußische Staat hat ein Gesetz erlassen, welches es Juden verbietet, akademische Lehrämter zu bekleiden. Ebenso beschränkt die Zensur jede freie Meinungsäußerung. Wie soll er leben, wenn er sein Studium der Jurisprudenz in Göttingen endlich abgeschlossen hat? Vielleicht kann der große Dichterfürst in Weimar helfen, denn Gedichte und zwei seiner Dramen hatte er ihm bereits zugesandt. Zwar war blieb die Reaktion aus, aber wenn er persönlich vorstellig würde, wäre ihm seine Anerkennung sicher. Doch die Geschichte nahm einen anderen Lauf.
So oder so ähnlich mag sie sich zugetragen haben, die Vorgeschichte zu Heines legendärer Harzreise, die im Mai 1826 erstmals in Buchform gedruckt, im Hamburger Verlag Hoffmann und Campe erschien. Viel ist seitdem über Heine und dessen legendäre Reise geschrieben worden, und nicht Wenige haben sich auf den Weg gemacht, um auf dessen Spuren, von Göttingen startend, den Harz zu erwandern. Doch einen Roman hat bislang niemand über diese Reise geschrieben. Nach drei Romanen über Goethes Harzreisen, hat sich nun der Blankenburger Schriftsteller Bernd Wolff dieses Stoffes angenommen. Anfang Oktober, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse, erschien „Klippenwandrer. Heines Harzreise“ im Schweizer Futurum Verlag. Und es sei vorweg bemerkt, dieser Roman ist ob seiner Detailfülle, seines Stils und seiner Komposition außergewöhnlich, ja er ragt aus der Fülle der Neuerscheinungen dieses Herbstes monolithisch hervor.
Bernd Wolff untergliedert seinen Roman in drei Teile. Im ersten Abschnitt, „Teufelskanzel“ benannt, erzählt er von Heines Wanderung durch das weithin bekannte mitteldeutsche Gebirge. Dem an den Schönheiten des Harzes interessierten Lesers wird bei der Lektüre das Herz aufgehen, so poetisch gestaltet der Autor seine Naturschilderungen. Die Etappen von Heines Wanderung bilden den roten Faden des primären Handlungsstranges. Manches, von Heine ausgelassene, Detail der „Harzreise“ wird vom Autor phantasievoll ergänzt, wie beispielsweise die Beschreibung der Roßtrappe und des Selketals. Immer an Heines Seite ist Friedrich Gottschalcks „Reiseführer für Reisende in den Harz“, dem zur damaligen Zeit maßgeblichen Reiseführer für die Region. Das Besondere des ersten Teils besteht darin, dass Bernd Wolff nicht nur aus der Sicht Harry/Heinrich Heines erzählt, sondern in einzelnen Kapiteln eine Vielzahl von Akteuren auftreten lässt. Planeten gleich, die um den Fixstern Goethe kreisen, erzählt Wolff die Geschichten der einzelnen Protagonisten, deren Lebenswege nur scheinbar in parallelen Bahnen verlaufen. Nicht nur, dass sie alle mit Goethe verbunden sind, sondern es besteht auch eine Verbindung zu Heine. So treten neben den beiden Hauptfiguren, Johann Peter Eckermann, Ulrike und Amalie von Levetzow sowie Carl Gustav Carus auf. (Nebenbei bemerkt, umfasst das komplette Personenregister knapp sieben Seiten im Anhang des Buches.) Eckermann kennt Heine aus seiner Studienzeit in Göttingen und hat diesen in keiner guten Erinnerung. Vielleicht hat dieser auch Goethes Meinung vom jungen Heine mit beeinflußt, denn deren Begegnung verläuft letztendlich sehr ernüchternd und lässt Heine, wenn auch nur gedanklich, den greisen Dichter als „moralisierenden alten Bock“ betiteln. Was auf den ersten Blick verwirrend erscheint, stellt sich letztendlich als kunstvolle Komposition heraus, denn Bernd Wolff versteht es meisterhaft, die Lebenswege seiner Protagonisten zusammenzuführen. Neben manchem Aha-Erlebnis beim Lesen entwirft Wolff durch diesen Kunstgriff ein lebendiges Epochenbild der zu Ende gehenden Weimarer Klassik und der Spätromantik. Ab und zu verlässt der Autor jedoch die Spuren der Vergangenheit und entdeckt überraschende Bezüge zur Gegenwart. So findet die aktuelle Debatte um die Beschneidung bei Juden und Moslems ihren Niederschlag und auch die aktuelle Krise in Griechenland, indem Goethe sinnierend feststellt „Griechenland braucht andere Götter! Banken statt Akropolis.“ Stand im ersten Teil die missglückte „Pilgerfahrt“ Heines zu Goethe im Mittelpunkt, erlebt der Leser im zweiten Teil, „Hexenaltar“, die Entstehungs- und Publikationsgeschichte der „Harzreise“. Nicht minder interessant, lernen wir den Dichter Heine näher kennen, der an seiner Heimat Deutschland schier verzweifelt. Heine leidet an der Zurückweisung Goethes, auch wenn er diese durch seine provokante Ansage, einen neuen „Faust“ zu schreiben, selbst zu verantworten hat. Der Teil „Natur und Kunst“ bildet den Abschluss und gibt einen Einblick in das Nachwirken der Geschichte bis Hinein in unsere Gegenwart.
Was nun macht den „Klippenwandrer“ so einmalig? Es ist die Art des Erzählens, die des langsamen Tempos und wohlausgeformten Stils. Hier wird eine literarische Sprache wiederbelebt, die ihre Vorbilder bei eben jenen Protagonisten Goethe und Heine gefunden hat. Ja, hier singt ein Autor ein Loblied auf die Schönheit der deutschen Sprache.Hier wird eine Geschichte nicht stringent nacherzählt, sondern mehrere Handlungsstränge kunstvoll arrangiert. Eine Vielzahl von Akteuren kommt parallel zu Wort, so dass ein detailliertes Zeitbild vor dem Auge des Lesers erscheinen kann. Leser, die eine nacherzählte „Harzreise“ erwarten, werden enttäuscht sein. Der „Klippenwandrer“ erfordert Muße von seinem Leser, sich auf den ruhigen Fluß der Handlung einzulassen und einzutauchen in eine Welt, die der unseren gar nicht so unähnlich ist. Bernd Wolff selbst nennt den „Klippenwandrer“ einen „dokumentarischen Roman“, der zum einen das Vergangene eindrucksvoll auferstehen lässt, der zum anderen auch Bezüge zur Gegenwart herstellt. Viele der Themen wie Aufgenommen- und Ausgegrenztsein, Glauben und Wissen, Anerkennung und Liebe oder Neid und Hass sind auch Themen der heutigen Zeit. So schließt der Roman vielsagend mit den Worten „kein Ende“. Torsten Seewitz

Bernd Wolff „Klippenwandrer. Heines Harzreise“
Futurum Verlag Basel 2012
472 S., 24,90 €